IM BEISEIN EINES ENGELS
Im Beisein eines Engels

Eine gute Nacht Geschichte für Erwachsene
10 min Lesedauer
Als Emil zum ersten Mal im Schlaf lächelte, war es kurz nach drei Uhr morgens.
Mara saß neben seinem Bettchen, in eine Decke gehüllt, die Knie an die Brust gezogen, das Haar zerzaust, die Augen brennend vor Müdigkeit. Die Wohnung lag still. Nur der Kühlschrank summte leise in der Küche, und draußen strich der Wind mit kalten Fingern an den Fenstern entlang.
Emil lag auf dem Rücken, winzig klein in seinem hellblauen Schlafsack, die Fäuste neben dem Kopf geballt, als würde er selbst im Traum noch etwas festhalten wollen. Sein Atem kam in kurzen, weichen Wellen. Ein kleines Geräusch, kaum mehr als ein Seufzen, hob seine Brust.
Dann lächelte er.
Nicht dieses flüchtige Zucken, das alle Erwachsenen mit Vernunft erklären wollten. Nicht „Verdauung“, nicht „Reflex“, nicht „Zufall“. Nein. Es war ein echtes Lächeln. Sanft, wissend, beinahe vertraut. Mara hielt den Atem an.
„Na?“, flüsterte sie. „Wer bringt dich denn da zum Lachen?“
Natürlich antwortete Emil nicht. Er war erst sieben Wochen alt. Er kannte noch keine Worte, keine Namen, keine Geschichten. Aber in diesem Moment sah es aus, als würde jemand, den Mara nicht sehen konnte, sich über sein Bettchen beugen, ihm einen Kuss auf die Stirn drücken und ihm etwas zuflüstern, das nur Babys verstehen. Mara spürte, wie sich etwas in ihrer Brust zusammenzog.
„Ist es Oma?“, fragte sie leise. Der Raum blieb still. Auf dem kleinen Regal neben dem Bett stand ein Bilderrahmen. Darin lächelte Maras Mutter mit diesem warmen, schiefen Lächeln, das früher jedes Zimmer heller gemacht hatte. Sie trug den roten Schal, den Mara ihr zum Geburtstag geschenkt hatte, und hielt eine Tasse Kaffee in beiden Händen. Das Foto war an einem Sonntag entstanden, ein Jahr bevor alles anders wurde.
Ein Jahr, bevor das Krankenhauszimmer.
Ein Jahr, bevor die weißen Laken.
Ein Jahr, bevor der Satz: „Es tut uns leid.“
Mara hatte damals noch nicht gewusst, dass sie schwanger werden würde. Ihre Mutter hatte Emil nie kennengelernt. Nie seine winzigen Finger gehalten. Nie seine Wangen geküsst. Nie gesagt: „Er hat deine Augen.“
Und doch lächelte Emil jetzt, als kenne er sie.
Mara beugte sich über das Bettchen. „Wenn du sie siehst“, flüsterte sie, und ihre Stimme brach, „sag ihr, dass ich sie vermisse.“ Emil schlief weiter. Aber sein Lächeln blieb.
Am nächsten Morgen erzählte Mara es niemandem. Nicht Lukas, der mit dunklen Schatten unter den Augen Kaffee kochte und versuchte, gleichzeitig liebevoller Vater und funktionierender Mensch zu sein. Nicht ihrer Freundin Jule, die immer sagte: „Du musst mehr schlafen, Mara.“ Nicht der Hebamme, die bestimmt nur freundlich gelächelt und von Neugeborenenreflexen gesprochen hätte.
Mara behielt diesen Moment für sich. Wie einen Brief, den der Himmel ihr heimlich unter der Tür durchgeschoben hatte.
In den folgenden Wochen geschah es immer wieder. Emil lächelte im Schlaf. Manchmal nur kurz, manchmal so deutlich, dass Mara das Gefühl hatte, gleich müsse er lachen. Und jedes Mal war da dieser sonderbare Friede in seinem Gesicht.
An besonders schweren Tagen wartete Mara darauf. Wenn sie beim Stillen weinte, weil ihre Mutter ihr fehlte. Wenn sie vor Erschöpfung vergaß, wo sie ihr Handy hingelegt hatte. Wenn sie sich schämte, weil sie manchmal nicht nur glücklich war, sondern auch überfordert, wütend, leer.
Wenn die Welt von ihr erwartete, in Mutterschaft aufzugehen, während sie selbst noch lernte, mit einer Liebe zu leben, die größer war als ihr eigener Körper. Dann lächelte Emil im Schlaf. Und Mara stellte sich vor, ihre Mutter sitze am Fußende des Bettchens. Vielleicht mit diesem roten Schal. Vielleicht jünger, leichter, ohne Schmerz. Vielleicht sagte sie zu Emil: „Pass gut auf deine Mama auf. Sie tut ihr Bestes.“
Eines Nachmittags kam Maras Vater vorbei. Er brachte Suppe mit, obwohl Mara gesagt hatte, sie brauche nichts. Seit dem Tod seiner Frau war er stiller geworden. Er sprach weniger, aber seine Hände taten Dinge: Glühbirnen wechseln, Müll rausbringen, Brot schneiden, Suppe kochen. Er stand lange vor Emils Bettchen.
„Er sieht ihr ähnlich“, sagte er plötzlich. Mara sah auf.
„Mama?“ Ihr Vater nickte.
„Um den Mund herum.“ Mara schluckte.
„Er lächelt manchmal im Schlaf.“
„Das hast du auch gemacht“, sagte er.
„Wirklich?“
„Ja.“ Er lächelte traurig.
„Deine Mutter war überzeugt, dass dein Großvater dich besucht. Sie sagte immer: Babys sind noch nicht ganz hier. Ein Teil von ihnen ist noch dort, wo wir alle einmal herkommen.“ Mara spürte Gänsehaut auf ihren Armen.
„Hast du daran geglaubt?“, fragte sie. Ihr Vater sah Emil an. Lange.
„Damals nicht“, sagte er. „Heute vielleicht.“
Am Abend, nachdem ihr Vater gegangen war, suchte Mara in alten Kisten nach Fotos. Sie fand vergilbte Umschläge, Geburtstagskarten, ein Rezept für Apfelkuchen in der Handschrift ihrer Mutter. Zwischen zwei Alben lag ein kleines Notizbuch.
Vorne stand: Für Mara, wenn sie einmal Mama wird. Mara setzte sich auf den Boden. Ihre Hände zitterten. Sie schlug die erste Seite auf.
Mein liebes Kind, stand dort. Vielleicht liest du das irgendwann mit einem Baby auf dem Arm. Vielleicht bin ich dann neben dir. Vielleicht auch nicht. Aber falls ich nicht da sein kann, sollst du wissen: Du wirst nicht allein sein.
Mara presste die Hand vor den Mund. Die Worte verschwammen.
Es wird Nächte geben, in denen du glaubst, du schaffst es nicht. Du wirst müde sein. Du wirst zweifeln. Du wirst denken, alle anderen können es besser. Aber dein Kind braucht keine perfekte Mutter. Es braucht dich.
Mara weinte lautlos. Aus dem Schlafzimmer kam ein leises Glucksen. Sie stand auf, das Notizbuch fest an sich gedrückt, und ging zu Emil. Er schlief. Und er lächelte. Diesmal wirkte es, als würde er jemanden begrüßen. Mara setzte sich neben ihn.
„Sie ist hier, oder?“, flüsterte sie. Und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich die Stille nicht leer an. Sie fühlte sich bewohnt an.
Wochen wurden zu Monaten. Emil lernte, den Kopf zu heben, nach Maras Finger zu greifen, mit großen Augen die Welt zu bestaunen. Er liebte Lichtflecken an der Wand, das Rascheln von Papier und Lukas’ viel zu tiefe Schlaflieder. Er hasste Mützen, Karottenbrei und jede Sekunde, in der Mara den Raum verließ. Doch nachts, wenn alles ruhig wurde, kehrte dieses geheimnisvolle Lächeln zurück. Mara begann, daraus ein Ritual zu machen. Wenn Emil im Schlaf lächelte, erzählte sie ihm von denen, die ihn gern kennengelernt hätten. Von seiner Oma, die laut lachen konnte und bei jedem Lied den falschen Text sang. Von seinem Urgroßvater, der Kirschbonbons in den Taschen trug. Von Maras kleiner Schwester Lina, die nur drei Tage gelebt hatte und über die in der Familie selten gesprochen wurde, weil manche Schmerzen keine Sprache finden.
„Vielleicht spielt sie mit dir“, sagte Mara eines Nachts.
„Vielleicht seid ihr gleich alt da oben.“
Der Gedanke traf sie mitten ins Herz. Nicht, weil er logisch war. Sondern weil er tröstete. Und manchmal ist Trost wahrer als jede Erklärung.
An Emils erstem Geburtstag war die Wohnung voller Menschen. Luftballons hingen an den Stühlen, Kuchenkrümel klebten am Boden, und Emil saß mit rotem Gesicht inmitten von Geschenkpapier, als hätte er eine kleine, bunte Schlacht gewonnen.
Alle lachten. Sogar Maras Vater. Er hielt Emil auf dem Schoß und zeigte ihm das Foto seiner Oma.
„Das ist jemand, der dich sehr geliebt hätte“, sagte er. Emil patschte mit der Hand auf den Bilderrahmen. Dann lächelte er. Nicht im Schlaf diesmal. Ganz wach. Ganz klar. Mara sah es. Ihr Vater sah es auch. Für einen Moment sagte niemand etwas. Dann drehte Emil den Kopf zur leeren Ecke des Wohnzimmers, hob eine Hand und winkte. Mara erstarrte.
„Emil?“, flüsterte sie. Er kicherte. Ein helles, perlendes Lachen, das durch den Raum tanzte wie Sonnenlicht. Maras Vater schloss die Augen. Eine Träne lief ihm über die Wange.
„Hallo, mein Liebling“, murmelte er. Niemand fragte, wen er meinte.
Später, als alle gegangen waren und Emil erschöpft in seinem Bettchen schlief, saß Mara wieder neben ihm. Wie in jener ersten Nacht. Nur war sie nicht mehr dieselbe.
Die Trauer war nicht verschwunden. Sie würde nie ganz verschwinden. Aber sie hatte ihre Form verändert. Sie war nicht mehr nur ein dunkles Loch in ihrer Brust. Sie war ein stiller Raum geworden, in dem Erinnerungen Kerzen anzünden durften.
Mara nahm das Notizbuch ihrer Mutter und schrieb auf die letzte freie Seite:
Heute hat Emil gelächelt, als hätte er dich gesehen. Vielleicht warst du da. Vielleicht war es nur ein Kind, das Licht gespürt hat. Aber ich entscheide mich zu glauben, dass Liebe Wege findet, die wir nicht verstehen.
Sie sah zu ihrem Sohn. Emil seufzte im Schlaf. Dann hob sich sein Mundwinkel. Mara lächelte unter Tränen.
„Spiel noch ein bisschen mit ihr“, flüsterte sie. „Aber komm immer wieder zu mir zurück.“
Draußen begann der Morgen. Und im kleinen Zimmer lag ein Frieden, so zart und stark, als hätte der Himmel selbst für einen Moment den Atem angehalten.
Ende
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