FINSTERNIS STAUB

HORRORGESCHICHTE – FINSTERNIS STAUB

Prolog

In unserer Kleinstadt gibt es schon immer viel Aberglaube. Zahlreiche Geschichten erzählt man sich bereits seit Generationen über die alten Mienen, die noch aus den Zeiten unserer Gründerväter stammen.
Die meisten Gemeinden wie unsere sind stolz auf ihre Geschichte. Doch als vor Jahrzehnten die ersten Siedler hier her kamen, hat man ihnen Gold in Hülle und Fülle versprochen. Zu spät hat man jedoch erkannt, dass es sich bei dem angeblichen Goldfund nur um eine kleine Ansammlung handelte und nicht wie vermutet ein weitreichendes Vorkommen. 
Hunderte Meter tief hat man verzweifelt nach dem glänzenden Edelmetall gesucht und keine nennenswerten Goldansammlungen gefunden. Damit war der versprochene Goldrausch ausgeblieben. Ab und an kommen Touristen her, um sich die Minen anzusehen, von denen man sich sagt, das sie Unglück bringen. Hier pflegt man stets einen großen Bogen um den Eingang der verfallenen Minen zu machen. Seit ich mich erinnern kann hat man uns Kindern eingebleut, nie einen Fuß auch nur auf das abgesperrte Gelände am Rande der Stadt zu setzten.
Natürlich ist dieses Verbot für viele zum Anreiz geworden um ihre rebellische Seite zu besänftigen.
Doch die meisten kehren verändert zurück oder garnicht, das wollen uns zu mindest die ältesten unseres Dorfes immer weiß machen. Unheimlich blieb der Gedanke trotzdem, die Mienen zu betreten.


Als ich am Morgen schnell bei Misses Patz im Laden vorbeischaue um die Streichhölzer zu kaufen, die meine Mutter für Zuhause braucht, mache ich auf den Weg zur Schule. Im Schulflur angekommen schließe ich meine Bücher in meinen Spind und werde ich grob von hinten angerempelt. Mein flüchtiger Blick bestätigt mir wer dafür verantwortlich ist.

William, der Tyrann unserer Oberstufe, wie viele sagen.
Doch ich weiß es besser. Er hat seine Mutter vor zwei Sommern verloren und lebt seit dem allein mit seinem gewalttätigen Vater. Alle in der Stadt wissen, dass er von ihm geschlagen wird, doch niemand verliert ein Wort darüber. Selbst der Sheriff will davon nichts wissen und hat es als Erziehungsmaßnahmen abgetan.
Denn es ist klar, dass wenn man William seinem Vater wegnehmen würde, ihn niemand aufnehmen könnte.
Hier lebt jeder aus der Hand und kann sich kein weiteres Maul, das es zu stopfen gilt leisten.
Also lässt William seine Wut und seinen Frust über seine Situation an seinen Mittschülern aus.
Einschließlich mir. Täglich verprügelt er andere Jungen in der Pause, klaut das Brot anderer Kinder unter Androhung von Prügel und rumpelt mich im Schulflur andauernd an. Selbst wenn man versucht nett zu sein, erntet man zum Dank einen Tritt in den Magen. 

Am späten Nachmittag, als die Sonne bereits tief hängt, bin ich auf dem Weg zum Sportunterricht und belausche ein Gespräch zwischen ein paar Jungs aus unserer Stufe. Sie werden oftmals Opfer von Williams Wutausbrüchen und planen schon eine ganze Weile etwas, um es ihm heimzuzahlen. Heute scheint es soweit zu sein, denn ich sehe wie einer von ihnen einen gefalteten Zettel in der Hand hält und sagt:
„Das einzige was er findet wird ist diese Nachricht. Er wird nie erfahren, wer seine Kette gestohlen hat.“ Sie können nur von einer Kette sprechen. William hat nicht vieles das er respektiert. Bevor seine Mutter gestorben ist, war er ein netter Junge. Erst nach ihrem Tod ist er zu dem geworden der er heute ist. Deshalb trägt er den Ring seiner Mutter an einer Kette um den Hals, die er so gut wie nie abnimmt.
Außer beim Sport. 

Im Sportunterricht sehe ich wie William aus der Umkleide kommt und erst ein paar Minuten später die andern Jungen nachkommen. Vermutlich haben sie die Kette bereits entwendet. Doch sicher bin ich mir nicht. Erst als ich einen wütendes Brüllen später aus der Umkleide der Jungs höre, weiß ich mit Sicherheit, dass sie den Plan umgesetzt haben. 
Als ich die Sporthalle verlasse stoße ich beinahe mit William zusammen der mich daraufhin wutentbrannt ansieht, jedoch ohne ein Wort davon stürmt. Wiederwillig folge ich ihm mit ausreichend Abstand.
Ich weiß nicht ob ich ihm helfen will oder ob es meine Neugierde ist, die mich dazu verleitet, doch als ich bemerke welchen Weg wir einschlagen fange ich an mich zu fragen ob ich wirklich wissen will was die Jungs geplant haben. William verschwindet hinter dem Zaun, der das Gelände der Mienen einzäunt. Kurz bevor ich ihm folgen will sehe ich aus dem Waldrand die Jungs aus unserer Stufe. Sie scheinen auf William gewartet zu haben.
Doch anstatt ihn gemeinsam anzugreifen um ihm eine Lektion zu erteilen beobachten sie ihn.
Also tue ich es ihnen gleich.  

Während die Sonne bereits lange Schatten über das abgesperrte Gelände zieht und alles in Dunkelheit taucht, erreichen wir den zugenagelten Mineneingang. William reißt ohne zu zögern ein paar Bretter der Holzverkleidungen ab, die den Eingang versiegelt, sodass er sich hindurchzwängen kann. Kurz blitzt Licht im inneren der Miene auf, das mich an Feuer erinnert, ehe es langsam verschwindet. William muss ein Feuerzeug oder etwas Ähnliches bei sich tragen, denke ich. Mir behagte der Gedanke nicht, dass er allein dort rein geht.
Es ist allgemein bekannt das die Mienen Einsturz gefährdet sind. Er bringt sich in Lebensgefahr.
Aber wieso?


Ich erinnere mich an den Zettel den einer der Jungen in der Hand gehalten hat.
Es muss etwas damit zu tun haben, was auf dem Zettel gestanden hatte. William betritt die Mine.
Erst jetzt wagen sich die Jungen aus ihrem Versteck und gehen in Richtung des Eingangs. 
Während dessen halte ich mich zurück und warte wie die andern Kinder auf seine Rückkehr.
Doch aus Minuten wird eine geschlagene Stunden. Die Sonne ist bereits unter gegangen und die Grillen zirpen in weiter Ferne, als ein Schrei aus den Mienen widerhallt. Vor Schreck zucke ich zusammen und ein Schauer läuft mir über die Arme. Einer der Jungen wagt sich nah an den Eingang, durch den William sich gezwängt hat und ruft beunruhigt seinen Namen. Doch er erhält bloß einen weiteren Schrei als Antwort.
Die Jungs bekommen es mit der Angst zu tun, während ich fieberhaft nachdenke was ich tun sollte.
Schließlich entscheide ich mich dafür aus meinem eigenen Versteck zu kommen und zum Eingang zu marschieren. Als die Jungs mich sehen, runzeln sie bloß die Stirn.

„Was habt ihr getan?“, will ich von ihnen wissen und stelle mich erwartungsvoll vor Timmy der sich bisher zurückgehalten hat. Bei meinem wütenden Blick wird er rot. Ich weiß, das er mir in der Schule verstohlen Blick zu wirft, doch er ist zwei Jahre jünger als ich und das nutze ich jetzt aus.
„Wir haben ihm einen Streich gespielt“, sagt er schüchtern.
„Den er verdient hatte“, ruft einer der Jungen rein. Ich strafe ihn mit einem bösen Blick und richte meine Aufmerksamkeit wieder zu Timmy.
„Wir haben seinen dämliche Kette in die Miene geworfen“, sagt er und scheint sich in seiner Haut plötzlich sehr unwohl zu fühlen. Ich beuge mich zu ihm runter und kneife sein Ohr so fest, das es garantiert weh tut.
„Du holst jetzt auf der Stelle den Sheriff, vielleicht ist er verschüttet worden!“, flüstere ich ihm mit Nachdruck ins Ohr, bevor ich ihn von mir weg schupse. Obwohl ihm meine Art überrumpelt hat nickt er mehrfach schnell und läuft los.

„Hey, was soll das ? Dem gehts sicher gut. Soll er sich ruhig mal fürchten!“, mischt sich einer der großen Jungs ein.
„Wenn er darin verletzt wird ist das ganze allein eure Schuld. Was ist wenn er stirbt? Das kann doch nicht euer ernst sein. Wir müssen ihn da raus holen!“, erwidere ich schockiert über die gleichgültigen Gesichter die sie mir zuwerfen. Ja, William hat ihnen das Leben schwer gemacht, doch hat er deshalb den Tod verdient? Sicher nicht.
Ich schmeiße meine Schultasche neben die von William, ziehe meinen Mantel aus und schnappe mir die Packung Streichhölzer die ich heute Morgen ursprünglich für meine Mutter gekauft hatte. 
„Was hast du vor?“, fragt einer von ihnen, doch ich antworte nicht sondern zwänge mich stattdessen, wie William zuvor durch die Öffnung des Mieneneingangs.


Es ist stockdunkel also nehme ich ein langes Streichholz aus der Packung und entzünde es mit einem kratzenden Geräusch. Selbst mit dem Schein des kleinen Feuers kann ich kaum weiter sehen als meine Füße. Schluckend gehe ich weiter hinein. Im inneren der Mine ist es moderig und Staub rieselt von der Decke als ich mit dem Kopf anstoße.
„Auh!“ Vorsichtig gehe ich tiefer hinein und versuchte mich zu orientieren.
„William!“, rufe ich und warte ab was geschieht. Doch alles bleibt ruhig.
Fluchend bewege ich mich weiter vorwärts, bis ich an eine Abzweigung gelange. Prüfend blicke ich in beide Gänge und strahle den Boden an, wo ich auf Fußspuren oder der gleichen hoffe, doch ich werde enttäuscht.
Die Flamme des Streichholz geht aus und ich zünde ein weiteres an. Doch es spendet nur einen spärlichen Lichtschein. Schließlich entscheide ich mich jeden Gang ein paar Schritte abzusuchen. Durch den Lichtschein bemerke ich ein Aufblitzen neben mir und gehe in die Knie. Zum Vorschein kommt eine feingliedrige Kette mit einem Ring als Anhänger. Der Anblick des Schmuckstücks lässt mich erschaudern. Warum hat William sie nicht gefunden, wenn sie doch so nah am Anfang der Miene gelegen hat?
Ob er vielleicht den anderen Weg genommen hat?


Ich erhebe mich und nehme die Kette zwischen die Finger. Plötzlich höre ich ein stockendes Atmen, das meine Haare zu berge steigen lässt. Vor Schreck lasse ich die Kette aus den Händen gleiten, Fahre herum und verfluche mich gleich darauf, als dadurch die Flamme meines Streichholzes erlischt. Ein seltsames Gefühl breitet sich in mir aus, als würde mich etwas beobachten. Mit zitternden Händen zünde ich das nächste Holz an und erstarre. Da ist niemand. Keine Spur von William.
Stattdessen spüre ich wie ein Atem meinen Hals streift. Ich weiß ganz genau das hinter mir niemand stehen kann, also laufe ich ohne nachzudenken los und kann einen spitzen Schrei nicht unterdrücken. Das einzige woran ich noch denken kann, ist die Flamme vor dem ausgehen abzuschirmen, als ich mit dem Kopf gegen die Decke pralle und bewusstlos werde.

Das erste was ich spüre ist kalte Erde, die mein Gesicht berührt. Ich liege in absoluter Dunkelheit am Boden und Huste, weil mein Hals schrecklich trocken ist. Wie lange war ich weg, frage ich mich still. Gleichzeitig suche ich fieberhaft nach der Streichholzpackung. Doch sie ist nicht mehr in meiner Hosentasche.
„Nein, nein, nein“, flüstere ich in Panik. Sie muss mir beim Fall aus der Tasche gerutscht sein. Ich kann nichts sehen, außer tiefes Schwarz, während mein schneller Atem das einzige ist das ich hören kann. Ich beginne hektisch auf den Knien den Boden um mich herum abzusuchen, in der Hoffnung die Streichhölzer zu finden. Aber alles was ich zu fassen bekomme sind kleine Steine und staubige Erde.


Plötzlich höre ich ein seltsames Holpern und etwas trifft meine Fingerspitzen. Vor Schreck ziehe ich meine Hand fort und halte sie zitternd an mich gedrückt. Wieder erklingt das seltsame Geräusch und ich spüre an meinem Knie etwas, das mit Nachdruck dagegen gedrückt wird. Ich schüttle den Kopf. Ich will nicht wissen was da an meinem Knie ist, doch ich bemühe mich Ruhe zu bewahren. Als ich ein bekanntes Fiepen höre, wird mir klar das es eine Mia oder Ratte sein muss, die mir in dieser Dunkelheit Gesellschaft leistet. Als ich mich endlich überwinden kann taste ich mein Knie entlang bis ich das zu fassen bekomme, das davor steht. Der seltsame Druck lässt augenblicklich nach und das Fiepen erklingt erneut. Erleichtert stoße ich den Atem aus als mir klar wird das es nur die Streichholzpackung ist. Am liebsten hätte ich mich bei dem Nagetier bedankt, wenn ch mich nicht so vor ihnen ekeln würde.
Schnell nehme ich ein Holz aus der Packung, streiche es gegen die Zündstelle und hebe es vor mein Gesicht. Kurz denke ich etwas weiter vor mir zu sehen. Eine Bewegung.
„William?“, rufe ich, doch ich bekomme keine Antwort und in mir bereitet sich der Verdacht aus das William vielleicht schon wieder draußen ist. Vielleicht hat er die Suche nach der Kette aufgegeben oder hat sie über einen anderen Pfad gefunden. 
Ich muss dringend hier raus, denke ich gehetzt. Ich habe noch nie wirklich Grund dazu gehabt mich zu fürchten, doch in diesem Moment habe ich das dringende Bedürfnis so schnell es irgendwie geht aus diesem Labyrinth zu kommen. Mit meinem duzenden Streichholz leuchte ich wieder in den Gang hinter mich bevor ich mich weiter bewege. Die Decke hängt hier noch niedriger sodass ich mich stellenweise etwas kleiner machen muss, um durchzugehen. Mein Kopf schmerzt und pocht unentwegt. Ich habe sicher eine Beule Morgen.
Hier unten wird die Luft immer stickiger und ich glaube mich verirrt zu haben bis ich am Boden Fußspuren erkenne. Es sind ganz sicher die von William, hoffe ich,

„William“, flüsterte ich in die Finsternis vor mich. Ob nun Einbildung oder nicht, was auch immer ich geglaubt habe eben gesehen zu haben, es war nicht William gewesen und ich will sicher nicht auf mich aufmerksam machen. Außer meinem Schlüssel habe ich nichts bei mir das einer Waffe gleich kommen würde. Ich folge also leise aber schnell den Spuren bis ich erneut an eine Abzweigung komme.
Dort sehe ich einen Stofffetzen am Boden liegen. In die Hocke gehend betrachtete ich den Stoff und bemerke, das es ein Stück von Williams Jacke sein muss. Das Muster ist unverkennbar. Doch es wirkte nicht wie versehentlich zerrissen sondern hat glatte Schnittkanten. William muss es zugeschnitten haben.
Vielleicht hatte er so versucht sich zu merken wo er lang gegangen ist.
Doch ich frage mich wieso er überhaupt so tief hineingegangen ist. Was hatte ihn dazu veranlasst? 
Gerade als ich den Stoff zurücklegen will, für den Fall, dass er zurück hier her findet, sehe ich erneut etwas glänzendes am Boden liegen. Dieses Mal ist es nicht die Kette, die William gesucht hat. Es ist ein erbsengroßer Klumpen Gold. Doch bevor ich es näher beleuchten kann geht mein Streichholz aus. Entnervt entzünde ich wieder eins und lasse von dem Anblick ab. Ich habe keine Zeit.

Ich muss William finden, oder den Ausgang. Mit schnellen Schritten gehe ich weiter in der Hoffnung, das mir die Hölzer nicht ausgehen, bevor ich hier rausgekommen bin. Nach ein paar Schritten finde ich erneut ein glänzendes Etwas am Boden. Wieder ist es ein Klumpen Gold. Diesmal größer.
Doch ich beachte ihn nicht und gehe weiter. Immer wieder finde ich auf meinem Weg Gold. Ich will dieses verfluchte Gold nicht, denke ich wütend. Ich will William finden falls er hier drin ist oder hier raus. 
Innerlich verfluche ich mich das ich mich überhaupt dazu durchgerungen hatte ihm hier her zu folgen. Ich hätte wie die anderen auf den Sheriff warten sollen. Plötzlich höre ich ein Wimmern. Es ist ganz leise, doch definitiv nicht weit entfernt. Dann folgt ein Knurren. Scheiße, scheiße, scheiße.
Anstatt von dem Knurren weg zu kommen folge ich dem Geräusch bis ich am Ende des Gangs tatsächlich eine Silhouette ausmachen kann.
Ich will William sagen, doch mir stockt der Atem als ich begreife das es nicht William ist, der ein paar Meter vor mir im Gang kauert. Die tänzelnde Flamme meines Streichholzes wird in Augen reflektiert, die nichts natürliches an sich haben. Dunkle Adern umranden die tief schwarzen Augen. Durchscheinende Haut zieht sich über einen sehnigen Körper der weder Mensch noch Tier zu sein scheint.

Die Flamme geht aus bevor ich einen weiteren Blick auf die Kreatur erhaschen kann. Panik schnurrt mir die Kehle zu, als ich mit zitternden Fingern versuche erneut ein Holz zu entzünden. Kein Geräusch dringt an meine Ohren, doch mein Instinkt sagt mir, dieses Wesen ist noch immer vor mir im Gang. Ich kann ein Wimmern nicht unterdrücken als das Holz mir vor Furcht aus den Händen rutscht und ich mich schnell herunterbeuge um es zu finden. Ich habe Angst wie noch nie zuvor in meinem Leben und ich bete, dass ich das hier überlebe.
Endlich bekomme ich das Streichholz am Boden zu fassen und entzünde es. Mit stockendem Atem halte ich es vor mich und erstarre. Das Monstrum sieht mir direkt in die Augen und ist näher gekommen. So nah das ich den fauligen Atmen und das rasselnde Geräusch hören kann, als es den Mund leicht öffnet. Zum Vorschein kommen scharfe, lange Zähne. Das wars, gleich wird es mich töten. Ich bin so sicher, das ich die Augen schließe
und will nicht mitansehen was als nächstes kommt. Ich spüre wie es mir noch näher kommt, bis die längliche Schnauze der Kreatur bis an meine Wange kommt. Wieder wimmere ich, während die Angst mich an den Boden haftet. Ich kann mich nicht bewegen.

Ein leises Knurren entweicht dem Monstrum, doch zu meiner Überraschung wendet es sich von mir ab. Als ich die Augen wieder aufschlage sehe ich wie es in der Dunkelheit verschwindet ehe mein Streichholz erlischt. Für einen Moment kann ich nur blindlings in die Finsternis starren, die mich umgibt, während mein zitternder Atem von den Wänden widerhallt. Ich lebe doch, oh mein Gott ich lebe noch, kann ich nur denken, und hoffe zugleich, dass die Kreatur nicht zurückkehrt.
Dann höre ich ein Schulzen wieder. Es ist ganz leise, doch ich kann es deutlich hören.
„William?“, flüstere ich, um das Wesen nicht noch einmal auf mich aufmerksam zu machen.
„Wer ist da?“, bekomme ich endlich eine Antwort. Es ist diafinit Williams Stimme.
Erleichtert nehme ich das vorletzte Streichholz aus meiner Schachtel und stehe auf. Endlich habe ich ihn gefunden. Nach ein paar Schritten kann ich hinter einer Abzweigung endlich William erkennen, dort wo ich die Kreatur eben noch habe kauern sehen. Jetzt ist es nirgends zu erkennen.
Als ich sehe, das William an der Wand lehnt und mit schweißnasser Stirn seinen Bauch hält, läuft es mir eiskalt den Rücken runter.
„Was ist passiert“, frage ich ihn stotternd und bedeute ihm das Streichholz zu halten. Ein kurzer Blick sagt mir, das wir uns beeilen müssen. Schnell reiße ich einen langen Streifen meiner Hose ab, binde ihn um Williams Verletzung und ziehe ihn hoch. Er kann kaum aufrecht laufen, doch ich sage ihm er soll sich auf mich stützen. Das tut er.
„Weißt du wie wir hier am schnellsten wieder raus kommen?“, frage ich ihn obwohl ich schon auf meine erste Frage keine Antwort erhalten habe. Diesmal scheint er sich jedoch zusammenzureißen.
„Folge den Stofffetzen am Boden. Ich habe sie überall in gelegt, wo ich abgebogen bin“, antwortet er keuchend. Sein Gesicht ist schmerzverzerrt. Plötzlich ertönt ein Knurre, direkt hinter uns. Ich wage es mich umzudrehen und kann schemenhaft die Kreatur erkennen. Sie folgt uns. Fieberhaft denke ich nach. Sie hatte mich ziehen lassen, doch William scheint sie hier behalten zu wollen.
Warum?

„Hast du etwas bei dir?“, frage ich ratlos an William gerichtet. Dieser runzelt angestrengt die Stirn. Er kramt in seiner Hosentasche während wir weiter Richtung Ausgang stolpern.
„Ich habe diese Gold-Nuggets gefunden“, sagt er irritiert und öffnet seine Handfläche. Darin liegen kleine und große Goldene Klumpen, genau wie die die ich zuvor entdeckt und keinerlei Beachtung geschenkt habe.
Eine Erkenntnis trifft mich unvorbereitet. Vielleicht war es das Gold.
„Wirf es weg!“, sage ich eindringlich und sehe ängstlich hinter uns. Die Kreatur hat uns fast eingeholt und lauert mit dunklen Augen, zum Angriff bereit.
„Aber wieso…“, setzte William an, doch ich schlage ihm das Gold aus den Händen und fange an zu laufen, drauf bedacht, das Feuer zu schützen, das fast zu Ende gebrannt ist.
„Lauf!“, brülle ich und auch William lauft um sein Leben. Ich ziehe ihn so gut es geht hinter mir her, bis ich vor uns einen Lichterschein sehe. Es flackern wie das Licht einer Taschenlampe. Das Streichholz erlischst und William gerät ins Straucheln.

„Komm Schon William reiß dich zusammen“, zwischen ich panisch. Ich weiß nicht ob meine Vermutung stimmt, das die Kreatur es auf William abgesehen hat, weil er das Gold genommen hat und habe auch nicht vor es herauszufinden. Doch Williams Knie geben nach. Röchelnd höre ich seinen Atem.
„Warte die Kette meiner Mutter!“, keucht er.
Ich will ihm sagen, dass sie jetzt unwichtig ist, als ich spüre, das er mir etwas um das Handgelenk bindet. Es kann nur die Kette sein, denke ich, als ich danach taste. Also sind wir wirklich ganz nah am Eingang. Mit aller Kraft ziehe ich William zurück auf die Beine und hiefe ihn auf meinen Rücken. Er ist viel größer und schwerer als ich, doch so kann ich ihn zumindest bis zum Eingang schleppen. Blindlings dem Lichtschein folgend taste ich mich an der Wand entlang, bis ein Lichtstrahl direkt auf uns fällt.
„Da sind sie!“, höre ich eine Jungen Stimme und kurz darauf kommt das Licht zu uns herein. Der Sheriff.
„Was habt ihr Kinder euch dabei gedacht?“, fragte der Sheriff mit anklagender Stimme.
„William ist verletzte“, sagte ich um ihn zu alarmieren. Schnell will er mir zur Hand gehen, als er plötzlich inne hält.
„Was ist denn das?“, murmelt er. Ich sehe wie er seine Hände nach etwas glänzendes ausstrecken will.
„Nein!“, schreie ich, als ich das leise Echo eines Knurrens höre.
„Heben sie das bloß nicht auf!“
Wie aus einer Trance schüttele der  Sheriff den Kopf und nimmt mir endlich William vom Rücken, um ihn bis zum Eingang zu tragen. Ich bin die letzte die aus der Miene klettert und blicke angstvoll ein letztes Mal in die Finsternis der Miene…

Epilog

Es stellte sich heraus, dass William Verletzung von einem verrosteten Metallstück stammen musste. Denn rund um seine Wunde hatte man Spuren von Rost gefunden. Nach diesem Vorfall war er nie wieder zu jemandem grausam. Stattdessen verbrachte er viel Zeit mit mir. Er war mir dankbar das ich ihn aus der Miene gerettet hatte. Wir versprachen einander nie wieder einen Fuß in die verfluchte Miene zu setzte, ganz gleich das die Leute im Dorf behaupteten, das wir uns das alles nur eingebildet hatten. Wir wusste, was wir in jeder Nacht in der Finsternis der Mienen gesehen hatten und würden es auch niemals vergessen…

Ende der Horrorgeschichte

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