DIE STIMME IN MIR

KURZGESCHICHTE – DIE STIMME IN MIR

Gift

Ich war einst glücklich. Das würde ich zumindest gerne behaupten. Aber mit dieser Lüge versuche ich das zu bekämpfen, was sich mehr und mehr in mir ausbreitet. Es ist wie Gift, dass meine Sinne vernebelt. Manchmal habe ich einen klaren Gedanken. Einen Augenblick in dem ich es bemerke. Dann höre ich zu wenn mein Mutter mich bittet die Medikamente zu nehmen. Sie sollen mich wieder zu meinem alten Ich bringen. Doch die Stimme, diese fremde Stimme in mir flüstert mir zu ich soll sie ausspucken, wenn niemand hinsieht.

Ich bin gefangen in meinem eigenen Geist. Ich weiß es und weiß es wieder nicht. Manchmal glaube ich dieses Monster in mir – das bin ich.

Manchmal weine ich, manchmal schreie ich und schlage gegen die Wände, die mich einsperren. Dabei sind es nicht die Wände die mich einengen und mir die Luft nehmen. Es ist die Stimme. Boshaft und verführerisch haucht sie mir ihre Absichten zu. Es ist so schwer ihr zu widerstehen. Ich liebe meine Familie. Doch ich sehe ihre Angst, wenn sie mich sehen. Ich sehe wie sie die Kinder von mir fern halten, weil sie glauben ich könnte plötzlich etwas tun was sie gefährdet. Ich wünsche ich könnte sie beruhigen aber ich vertraue mir selbst nicht mehr. Trotzdem schmerzt es mich. Verletzt mich tief.

Mein Wille der mir bleibt

Ich erinnere mich an einen besonders klaren Moment. Die Stimme verlangte etwas grauenvolles von mir. Etwas das ich nicht bereit war zu tun. Also bin ich gesprungen. Gesprungen in die Freiheit und Ruhe.

Als ich aufwachte war ich an Schläuchen, meine Mutter weinte an meinem Bett und bettete zu ihrem Gott. Aber Gott hilft mir nicht. Für eine Weile war es, als wäre die Stimme mit dem bersten meiner Knochen verstummt. Doch das Schweigen hält nicht lange an. Die Narben von meinem Sprung aus dem dritten Stock meines Appartements sind noch nicht verblasst als sie erneut zu flüstern beginnt. Trotz des starken Sedativums dringt sie durch den Schleier aus Rauch und weißer Asche. Es sind die Überreste meiner Seele.

Ich darf nach Hause. Die Angst ist Besorgnis gewichen. Ich sehe meine Familie, die mir den Rück zuwendet, wenn sie über mich sprechen. Sie fürchten sich davor, dass ich es erneut versuchen werde und damit sind sie keines Falls im Unrecht. Ich würde wieder für sie in den Tod springen.

Wie könnte ich auch nur einen von ihnen verletzten. Die Stimme ist stark, aber sie kann nicht alles von mir verlangen.

Ich werde niemanden töten.

Niemals!

Ende

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